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25.5.2006

Vergesst Panini: Jetzt kommt der Super-8-Fussball-Lehrfilm

Am 9. Juni beginnt in Deutschland die Fussball-WM. Höchste Zeit beim Panini-Sammelfieber inne zu halten, um die Aufmerksamkeit dem Super-8-Fussball-Lehrfilm zuzuwenden. Für Fussball- und Super-8-Fan Saro Pepe sind die Filme mit einer ganz besonderen Jugenderinnerung verbunden.

Von Saro Pepe

Früher, als ich noch in einem Junioren-Fussballklub spielte, freute ich mich jeweils ausserordentlich, wenn sich das Wetter am Mittwochnachmittag von seiner übelsten Seite zeigte: Wenn ein Sturm halbe Kiosk-Auslagen leerte, da und dort ein Blitz einen Baum entzweite oder die Temperaturen anfangs Mai unter den Gefrierpunkt sanken. An solch trüben Tagen stand uns beim Fussball-Training ein besonderer Leckerbissen bevor. Dann hiess es: Eintauchen in die wundersame Welt der Fussball-Lehrfilme.

Unser Trainer – ein kleiner, alter und dicker Mann ohne Haare – empfing uns im Klubhaus und erklärte, dass es wieder einmal Zeit für eine Theorie-Stunde sei. Er wies uns in die Kabine. Dort stand zwischen den Holzbänken eine kleine Leinwand, hinten bei den Umkleide-Kästchen ein hohes Tischchen und darauf ein kleiner grauer Filmprojektor. Marke: Eumig, Format: Super-8-Film.

«Kombinieren mit der Innen- und Aussenseite» Vol. 1
An einem dieser Nachmittage werde ich wohl auch den Film «Kombinieren mit der Innen- und Aussenseite» des «Instituts für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht» kennen gelernt haben. Ein Epos von fünfeinhalb Minuten, das den Zweck zu erfüllen hatte, uns zu veranschaulichen, was man unter «kontrollierter Ballabgabe» zu verstehen hat.

Der Film beginnt: In Medias Res, ohne Schnickschnack tritt eine wohl geformte Wade eines jugendlichen Fussballers auf den Plan. Ein unscheinbarer Ausfallschritt leitet die in dramatischer Zeitlupe gehaltene Szene ein. Bein und Fuss drehen sich nach aussen, ein schwarzweiss gefleckter Lederball rollt an, in gekonntem Zusammenspiel aller nötigen Muskeln wird der Ball mit der Innenseite des Schuhs getroffen und, eine gerade Linie beschreibend, zum Ausgangspunkt zurück gespielt. Das A und O eines jeden Fussballspiels in unsagbarer Perfektion. Tausend Mal auf dem Pausenplatz, auf der Spielwiese, oder in den Hinterhöfen geübt, aber noch nie so gesehen. Ein erhebender Moment für einen wie mich, der auf dem Pausenplatz gerne als Niete bezeichnet wurde.

Der kleine Dicke zeigte uns solch zentrale Szenen gerne mehrmals, nicht selten bis zu zehn Mal am Stück. Er spulte kurz zurück, hielt das Bild an, verlangsamte, mimte den Film-Jockey, und referierte dazu natürlich ausführlich über das «Zuspiel mit der Innenseite». Am liebsten hätte er den Film wohl zerschnitten und die entscheidende Szene oben zu einem Loop zusammen geklebt, um sie uns eine Stunde nonstop einzuflössen. Der Trainer liebte den Innenrist-Pass über alles. Seine Credos auf dem Platz waren «Sicherheit» und «Einfachheit». So kam es, dass er während des zweiten Teils des Films, der sich mit dem «Zuspiel mit der Aussenseite», mit dem coolen Aussenrist-Pass aus dem Fussgelenk befasste, laut vor sich hin fluchte und uns ermahnte, dies ja nie in einem Spiel auszuprobieren. Ansonsten würde er sehr böse werden. Selbstredend führte dieses Verbot dazu, dass wir an Tagen ohne Fussball-Training ganze Spiele durchführten, in welchen nur der Aussenrist-Pass erlaubt war.

«Kombinieren mit der Innen- und Aussenseite» Vol. 2
Ein Kassenschlager wie «Kombinieren mit der Innen- und Aussenseite» schreit natürlich förmlich nach einer Fortsetzung, die folgerichtig «Kombinieren mit der Innen- und Aussenseite 2» getauft wird. Thema in Teil 2: Das so genannte «Auge für den Mitspieler» entwickeln. In mehr und mehr komplizierten Zusammensetzungen treten Teams gegeneinander an und versuchen, einander mittels Innen- und Aussenrist-Kombinationen einen Ball ins Netz zu hauen. Die Einblendungen der Team-Bildungen erinnert bisweilen an eine Mathematik-Stunde: Aus «Spiel 3:2» wird «Spiel (2+3):3», was soviel heisst wie: Zwei neutrale Spielmacher spielen abwechselnd für beide Teams (je 3) gegen drei andere auf dem Platz. Oder so ähnlich. Selbst der Coach verstand diese Übungen nicht, was dazu führte, dass wir es beim Spiel drei gegen zwei beliessen.

Interessant an Vol.2 von «Kombinieren mit der Innen- und Aussenseite» ist, dass eine der drei portraitierten Mannschaften ohne Leiberl, das heisst mit nacktem Oberkörper spielt. An diesen Stellen bediente sich unser Trainer des öfteren des Knopfs, der den Film zu einem Standbild einfror und brummte ein zufriedenes «Eumig isch bäumig»* vor sich hin. Es war wohl dieses Kino-Erlebnis, was mir als kleiner Bub am Fussball-Training fast am besten gefiel. Vom Inhalt der Filme hab ich nicht viel mitbekommen, geschweige denn etwas dabei gelernt, aber das Rattern des Projektors, das Zittern der Bilder, da ein Filmriss, dort ein versengtes Bild – all das hinterliess tiefe Spuren in mir. Mein einziges Tor während der Juniorenzeit erzielte ich übrigens nicht mit der Innen- oder Aussenseite, sondern mit der Schuhspitze. Und nach dem Tor schmerze mir der Zeh noch sehr lange.

1982 gab ich schliesslich meine Fussballerkarriere auf. Als an der Weltmeisterschaft Brasilien an Italien und Frankreich an Deutschland scheiterten, erkannte ich, dass es in der Fussball-Welt keinerlei Gerechtigkeit gibt. Dass immer die Bösen gewinnen, jene, die mit der Innen- und nicht mit der Aussenseite kombinieren.

*Schweizerdeutscher Ausdruck für «Eumig ist toll»



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Saro Pepe ist Betriebsleiter der FCZ-Kneipe Flachpass in Zürich.

Vom 9. Juni bis 9. Juli werden dort alle WM-Spiele live auf der Leinwand gezeigt.

www.flachpass.ch