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05.12.2005

Wie lang halten meine Videofilme?

Von Ernst Wolfer
Pünktlich zum 40. Geburtstag von Super 8 (6.2005) hat Kodak das Ende des Kodachrome-S8-Films angekündigt. Kodachrome gibt es allerdings schon seit rund 70 Jahren, genau seit 1935 für die damaligen Amateurformate Normal-8- und 16-mm (ab 1949 auch für 9,5 mm). Und bei jeder Projektion strahlen die Farben auch heute noch unverfälscht von der Leinwand. Damit soll schon bald Schluss sein. Der Nachfolgefilme Ektachrome 64T wird, obwohl auch er aus dem Hause Kodak stammt, die Schärfe und Farbstabilität von Kodachrome nicht erreichen. Und eine «100-Jahre-Garantie», wie für Kodachrome, gibt es auch nicht mehr.

Also, was soll ich lange zögern, wechseln wir zu Video. Da gibt es Kameras in jeder Grösse und Preislage, und sollte die Wiedergabe auf dem TV-Schirm nicht genügen, dann ist ein Projektor, Beamer genannt, zu akzeptablem Preis erhältlich. Aber wie steht es mit der Haltbarkeit von Videofilmen?

Die Frage wie Filmmaterial archiviert werden soll und wie es mit der Haltbarkeit von elektronischen Aufzeichnungen steht, beschäftigt derzeit verschiedene Fachstellen. In Deutschland wird in einem stillgelegten Bergwerkschacht ein «zentraler Bergungsort der Bundesrepublik» geschaffen. Das Filmmaterial wird in luftdichten Edelstahlbehältern verwahrt. Durch vorherige Klimatisierung hat man ein staub- und schadstofffreies Mikroklima erzeugt, das dem Filmmaterial eine Lagerfähigkeit von mindestens 500 Jahren garantiert. Seit 1960 wird in der Bundesrepublik die Sicherheitsverfilmung von Archivalien durchgeführt.

Die Schweizerische Landesbibliothek befasst sich mit konzeptionellen Arbeiten zur langfristigen Sicherung von kulturell und politisch wichtigen Informationen. Für den Kulturgüterschutz wurde in Heimiswil (BE) eine Kaverne eingerichtet und 1979 offiziell als Mikrofilmarchiv des Bundes in Betrieb genommen. Das Zivilstandsregister soll inskünftig «magnetisch» geführt werden. Die Schweizerische Archivdirektorenkonferenz hat eine Strategiestudie zur dauerhaften Archivierung elektronischer Unterlagen erarbeitet. Beim Schweizer Fernsehen müssen 8,2 Millionen Meter Film zu einem grossen Teil überspielt werden. Dem endgültigen Verlust ausgesetzte 16-mm-Bänder müssen auf Videokassetten kopiert werden. Die «Tagesschau» von 1953 bis 1990 wurde auf digitale Datenträger kopiert. Man hört aber auch vom Gegenteil: In Fernsehanstalten werden wichtige Videofilme auf Zelluloid-Film überspielt wegen der besseren Haltbarkeit. Gerade billig ist die Datensicherung auch nicht: Bis zum Jahr 2010 müssen die öffentlichen Archive des Bundes und der Kantone mit zusätzlichen Ausgaben von 25 Mio. Schweizer Franken rechnen.

Archivare schlagen Alarm: Vor kurzen hatte sich Microsoft-Chef Bill Gates über die Zukunft von DVD geäussert (und der muss es wissen): Das hätte seiner Meinung nach keinerlei Zukunft und in spätestens 10 Jahren gäbe es das nicht mehr.
Unlängst gibt es Stimmen, die grundlegend vor einem kollektiven Gedächtnisverlust warnen, weil elektronische Daten kaum längerfristig gespeichert werden können. Daten aus der Frühzeit des elektronischen Zeitalters seinen bereits verloren gegangen oder ernsthaft gefährdet. So fehlen etwa in den USA frühere Volkszählungsdaten oder Steuerunterlagen verloren gegangen. Die Magnetbänder sind wohl noch vorhanden, aber es gibt keine Maschinen mehr, die sie lesen konnten. Der EDV-Alltag beweist zur Genüge, dass digitale Daten infolge unterschiedlicher Betriebsysteme oder Programmversionen oft nicht gelesen werden können. Geräte, Programme und Datenträger veralten rasant. Das wissen auch wir Filmer: Betamax von Sony, VCR von Philips, Video 2000 von Grundig: Wer erinnert sich heute noch an die längst vergangenen Videoformate? VHS und S-VHS beherrschten lange den Markt und wurden jetzt von Mini-DV und DVD abgelöst. Für wie lange? Wann kommt HD-DVD? In nur 30 Jahren kamen unzählige Formate auf und wurden von Neuentwicklungen wieder verdrängt. Die Gründungsurkunde der Abtei Fraumünster in Zürich stammt aus dem Jahr 853 und kann im Archiv eingesehen werden. Das Pergament hat mehr als 1000 Jahre überdauert. Können die digitalen Medien das auch garantieren?

Wohl kaum: Nur schon wegen der schnellen technischen Geräteentwicklung dürfte bei Video ein regelmässiges Umkopieren erforderlich sein, vom VHS auf DV, von DV auf DVD usw. Das ist zweifelsohne ein Aufwand, aber machbar und sichert die Aufnahmen.
(Bernhand Heinrich in «Cine Magina», Organ des Beaulieu Filmclubs. Nr. 2/04 Mai 04)

Digitalisierung ist sinnvoll, um Informationen besser zugänglich zu machen. Bei Fotografien und Filmen kann das Digitalisat das Original nicht ersetzen. Ein grosses Problem ist, dass wir mit der Langzeitaufbewahrung digitaler Daten keine Erfahrung haben. Ähnlich wie bei Videoformaten sind auch Computerfiles oft schon nach ein paar Jahren mit den neuen Geräten nicht mehr lesbar. Sie altern unheimlich schnell. Wer nur die Information digitalisiert und dann den originalen Träger wegwirft, hat irgendwann vielleicht überhaupt keinen Zugang mehr zu den Daten. Auch werden Daten komprimiert, um Speicherplatz zu sparen, und dabei geht ein Teil der Information verloren. Und was die meisten Leute nicht wissen: Es kommt beim heutigen Stand der Technik längerfristig meist viel teurer, Dokumente als Digalisate aufzubewahren, als wenn man sie auf dem urspünglichen Trägermaterial sachgerecht lagert. Markus Imhoofs Film «Das Boot ist voll» von 1980 war wegen unsachgemässer Behandlung stark beschädigt. Die Rekonstruktion kostete 350'000 Franken. Eine optimale Lagerung des Originals hätte höchstens 2000 Franken gekostet. (Kurt Deggeller, Direktor Memoriav)

Bergeron ist pessimistisch: Bryan Bergeron, der an der Harvard Medical School lehrt, forscht über die Speicherung medizinischer Akten. Er ist, was die elektronische Speicherung anbetrifft, nicht gerade optimistisch. Er warnt vor dem Datenverlust: «Digitalfotos, die heute angelegt werden, werden mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht über das Leben des Fotografen hinaus existieren. Nicht einmal jene Personen sind sicher, die Fotos auf der Festplatte speichern und auf CD-Rom archivieren. Schon in 10 Jahren wird es exorbitant teuer sein, ein heute geschossenes Foto zu rekonstruieren. Ganz anders ist die Situation beim chemischen Film, Da sind Fotos längst verstorbener Angehöriger keine Sensation, sondern die Regel. Negative halten 100 Jahre, die speziell für Archive produzierten Mikrofilme gar 200 Jahre. Auch Abzüge können 100 Jahre überleben. Die durchschnittliche Lebensdauer einer gebrannten CD beträgt nur 2 bis 5 Jahre. Doppelt solang halten Festplatten, doch dafür veraltet die Technik, die sie trägt. Sieben Jahre alte Festplatten mussten aufgegeben werden, weil es keinen Treiber mehr gab. Wer seine digitalen Lebensspuren sichern will, muss sich verhalten wie ein Mönch im Mittelalter: Unwichtiges aussortieren und den Rest geduldig und regelmässig vervielfältigen.

Mehr Optimismus: Etwas weniger pessimistische ist Horst Ackermann: Als Filmbeauftragter des Hans-Hasse-Insituts bin ich stak daran interessiert, das filmische Lebenswerk des Tauchpioniers und Forschers Hans Hass, das mit dem Jahr 1939 beginnt, langfristig zu archivieren. «Ich selber habe in meinem privaten Archiv (magnetische) Tonaufzeichnungen, die 45 Jahren alt sind (und den Recorder dazu? EW) sowie VHS-Bänder der ersten Stunde (1978), die bis heute von ihrer damaligen Qualität nichts eingebüsst haben. Die Qualität der versuchsweise auf DVD-RW gebrannten Kopien waren nicht schlecht. Was die Bild- und Tonergebnisse angeht, kann ich aus diesen und weiteren gemachten Erfahrungen nur sagen, dass die Ergebnisse hervorragend und besser sind als VHS oder S-VHS. Über die Lebensdauer von DVD und ihre Eignung als Archivierungsmöglichkeit gibt es die wildesten Gerüchte und Spekulationen. Seriöse Aussagen sind schwer zu bekommen.» Unterstützung bekommt Horst Ackermann von Schmalfilm-Redaktor Klaus Pellinka: «Wer auf Festplatten als Archivierungsmedium setzt und sich beschwert, dass die nach kurzer Zeit nicht mehr lesbar sind, ist selbst schuld, zumal dies auch noch das teuerste aller Archivierungsmedien ist. Für die Speicherung gibt es Archivierungssysteme. Am vorteilhaftesten ist seit Jahren die optische Speicherung per CD. Sie hat sich in Abermillionen Exemplaren manifestiert, es gibt Abermillionen Lesegeräte, also kann man davon ausgehen, dass es sie noch lange geben wird und das der Marktdruck grosse genug sein wird, nachfolgende Geräte oder Speichermedien kompatibel zu gestalten. Die Dateiformate, mit denen Bilder auf CD aufgezeichnet werden, sind seit fast 20 Jahren unverändert bzw. die neueren Formatversionen können die alten einwandfrei lesen. Eine selbstgebrannte CD hält, entgegen den Einlassungen von Herrn Bergeron, weitaus länger als 2 bis 3 Jahre. Die CD hat gegenüber einem Foto einen Vorteil: Die Kopie ist dank Digitaltechnik so gut wie das Original. Da kann keine Reproduktion von einem Papierbild mithalten. Und man kann eine Aufnahme im Rechner nachbessern. Gewiss, die digitale Technik ist nicht ohne Tücken und Fallstricke. Sie ist aber keineswegs so schlecht, wie sie von Kulturpessimisten gemacht wird.»

Lagerung: Vorerst muss entschieden werden, auf welchem Material die Bilder/Daten gelagert werden sollten: (Zelluloid-)Film, Mikrofilm, Magnetband, -Platte, CD-Rom, DVD? Dass Film hinsichtlich Lagerdauer allen anderen Medien überlegen ist, das ist wohl unbestritten. Dennoch wird das digital zu lagernde Material stark zunehmen.

Ein wichtiger Punkt ist die Lagerung der Kopien, egal ob es sich um Filme, Magnetbänder, -Platten oder DVDs handelt: «Kühl und trocken» ist die Devise. Vor etwa 70 Jahren wurde in einem abgelegen Tal in den USA ein Indianerjunge aufgefunden, der noch keinerlei Kontakt mit der (weissen) Zivilisation hatte. Die Ethnologen waren hocherfreut und hielten seinen Alltag im Film fest: Herstellen einer Speerspitze, Jagd, Anfachen eines Feuers, Zubereiten der Mahlzeit usw. Zwanzig Jahre später erinnerte sich ein Forscher an diese wertvollen Aufnahmen. Er suchte und fand die Filme komplett zerstört und unbrauchbar. Die Dosen waren über einem Heizkörper aufbewahrt worden! Auch der CD-Rom könnte es nicht besser gehen. «Pilz zerstört CD-Rom» titelt eine Zeitung. Also auch hier gilt die Daten-Träger «kühl und trocken zu lagern».

Fazit: Über die Lagerfähigkeit der neuen Medien gibt es nur Vermutungen aber keine stichhaltigen Beweise. Das Dumme ist nur: Wir müssen die Aufnahmen jetzt archivieren und können nicht erst die Ergebnisse von Langzeitversuchen von 50 Jahren abwarten. Um auf Nummer sicher zu gehen bleibt wohl nur der Rat von Bergeron: Auswählen und immer wieder kopieren, wie die Mönche im Mittelalter.

Quellen:
Neue Zürcher Zeitung 14/2002; NZZ 261/2002; NZZ 264/2002
ZSZ 11.6.2002
Horst Ackermann in «Film und Video» 2/2002
Schmalfilm 1/2005
Privatbrief von Klaus Pellinka vom 28.9.2002


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Auch digitale Träger sind nicht vor einem Zerfall sicher.


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